Kunst- und Kulturpreis 2021 der Stadt Schwabmünchen

Die Jury, bestehend aus Carolin Jörg, Prof. für Künstlerisches Gestalten, Hochschule Augsburg Norbert Kiening, Vorsitzender des BBK Schwaben Nord und Augsburg und Jan T. Wilms, Direktor Kunsthaus Kaufbeuren, hat einstimmig entschieden, den Kunst- und Kulturpreis 2021 der Stadt Schwabmünchen an den Künstler Rudolf Zimmermann zu verleihen.

Zur Begründung:

Ein Dachboden im Giebel eines Hauses, unverputzte Wände, rohe Holzbalken, ein Mann, das Gesicht durch eine übergestülpte Papiertüte verdeckt; barfuß in Jeans und ärmellosem, weißen T-Shirt thront er in frontaler Herrscherpose vor einer Ansammlung kleiner Trachtenpuppen, die ihm zu huldigen scheinen; ein kleines Fenster, durch das die Sonne strahlt erleuchtet die eigentümliche Szenerie in der Finsternis dieses Nicht-Ortes;
dann derselbe Mann, diesmal sitzt er als gebeugter Alter in einem heruntergekommenen Keller, den Kopf dem Boden zugeneigt, eine Krücke stützt seinen rechten Arm. Außer ihm im Raum nur ein Holzschlitten mit gebundener Filzdecke, ein geöffneter Koffer mit allerlei Utensilien: ein Teddy-Bär, ein kleiner Kochtopf, und wieder die braune Papiertüte;
dann zum dritten Mal derselbe Mann, nun in Rückenansicht, das Haupt gesenkt, die Arme hängen untätig herab. Er kniet vor einem Herrgottswinkel in einem schmucklosen Wohnzimmer, dessen Bewohner schon lange nicht mehr da sind. Ein Büßer, ein Bittsteller, ein Verzweifelter? Wiederum sind zwei Puppen, ebenfalls dem Kruzifix zugewandt, die einzigen Zeugen dieser stummen Szenerie, die uns mehr als ein Rätsel aufgibt. – Wer ist der Mann, der uns in den Bildern Rudolf Zimmermanns immer wieder begegnet? Was ist seine Geschichte, die Geschichte der Orte, wieso zeigt uns Zimmermann, was er zeigt?

Rudolf Zimmermanns „Inszenierte Fotografien“ beeindrucken durch die Authentizität, die sie ausstrahlen und die gleichzeitig nicht greifbar wird. Vieles bleibt im Unklaren. Zahlreiche Symbole aus den Bereichen der Kindheit, der Religion oder Familiengeschichte bereichern als Attribute die Fotografien Zimmermanns. Manche der Symbole sind schnell zu entschlüsseln, andere bleiben rätselhaft. – Gekonnt spielt der Künstler mit Mitteln der Inszenierung, wobei er sich selbst als Protagonist in seinen Interieurs (immer wieder ist es das Haus seiner Eltern) in Szene setzt, ohne jedoch die Grenze zu einer verkünstelten, pathetischen Aufladung zu überschreiten. Stattdessen trägt das kontrastreiche Schwarz-Weiß der technisch ausgefeilten Fotografien zur gesteigerten Dramaturgie und Atmosphäre der Szenerien bei. Die starke emotionale Aufladung der dargestellten Szenen überträgt sich unmittelbar auf den Betrachtenden. Tragisch und doch auch komisch erscheint der „Held“ hier, unmittelbar stellt sich ein Gefühl der Ausgesetztheit beim Betrachter ein, aber auch des Mitgefühls für den tragischen Helden seiner persönlichen Geschichte. – Wären die Fotografien nicht als eindeutig inszeniert erkennbar und als Exponate einer Ausstellung offensichtlich zur Anschauung und Versenkung gedacht, würde die hier offenbarte Intimität womöglich als zudringlich empfunden; ein Gefühl der Abwehr, gar der Scham, könnte sich beim Betrachtenden einstellen. Doch anstelle eines gierigen Voyeurismus oder hochmütigen Mitleids gegenüber einem Unbekannten, empfindet man nichts als Demut. Man schaut, man nimmt wahr und wird Zeuge eines besonderen Moments, den uns Rudolf Zimmermann in jedem seiner Bilder schenkt.

Autor und © Jan T. Wilms