Sabine Sünwoldt,
Exzerpt aus der Laudatio zur Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der Stadt Schwabmünchen, vom 29.06.2021
Exzerpt aus der Laudatio zur Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der Stadt Schwabmünchen, vom 29.06.2021
Sehr geehrte Damen und Herren,
mir ist es eine große Ehre, Ihnen auch dieses Jahr wieder die Preistragenden und die preisgekrönten Arbeiten vorstellen zu dürfen.
(Die externe Fachjury) hat ihre Entscheidung einstimmig getroffen. Für die inszenierten Fotografien „Erster“, „Beten“ und „Im Keller“ aus der Serie „Kopfalbum. Haus der Erinnerungen“ von Rudolf Zimmermann als Hauptpreisträger. Und für die Arbeit „Sanfte Ruhekissen…Fragezeichen“ von Rita Maria Mayer, die sie für den Anerkennungspreis vorschlug. Die Werke der beiden wirken so verschieden. Und doch trennt sie gar nicht so viel voneinander. Die Kunst beider Preistragender ist biografisch, sie ist persönlich, ist nicht von Trends und Moden geprägt. Sie schielt nicht auf den Markt und gibt sich nicht gefällig. Beide Preistragenden leben nicht allein mit, sondern in ihrer Kunst. Kriterien, die nicht immer treffen im Kunstgeschehen. Rudolf Zimmermann lernte zunächst Radio- und Fernsehtechniker. Während seines Zivildienstes kam er mit geistig behinderten Menschen in Kontakt, machte dann eine Umschulung und eine Ausbildung in Arbeitstherapie und –Pädagogik. Er arbeitete in Ursberg mit Schwerbehinderten.
Als die Kunst in sein Leben trat, tat sie dies auf recht unspektakuläre Weise. Die Zimmermanns hielten sich 1980 mit einem befreundeten Grafiker-Ehepaar in Frankreich auf. Auf Spaziergängen machte dieses Paar immer wieder Pause, um zu zeichnen. Vielleicht gibt es bei Ihnen ein Familienmitglied, das auf Reisen oder auf Wanderungen gerne fotografiert? Vielleicht sind dieses Familienmitglied nicht Sie? Dann kennen Sie das Stop and Go, das solche Unternehmungen kennzeichnet. Es verlangt den Nicht-Fotografierenden stets sehr viel Geduld und Nervenkraft ab. Es ist unglaublich langweilig.
Rudolf Zimmermann ging gegen diese Langeweile in die Offensive. Er begann, in den Pausen ebenfalls Skizzen anzufertigen. Sie wurden als gut befunden und er bekam den Rat, dabei zu bleiben. Er folgte diesem Rat, besuchte Kurse. Zeichnen und Malen wurden nicht nur Teil seines eigenen Lebens; er brachte die Kunst auch in das Leben derer, die er in seinem Beruf betreute. Er gestaltete mit seiner Werkstatt-Gruppe Karten und Marionetten. Und er vermittelte auch Kollegen und Kolleginnen, welche Rolle Kunst in der Arbeit mit Behinderten spielen kann. An der Fachschule für Heilerziehungspflege gab er von 1996 bis 2012 Kurse für Zeichnen und Malen. Doch Rudolf Zimmermann blieb nicht stehen. Er ist einer, der sich mit allem Ernst und aller Hingabe dem widmet, was ihm wichtig ist. Er entdeckte die Transaktionsanalyse und absolvierte eine sechsjährige Ausbildung, die zur Gleichstellung mit einer sozialpädagogischen Qualifikation führte. Es waren nun psychisch erkrankte Menschen, mit denen er täglich kunsttherapeutisch arbeitete.
Mittlerweile war Rudolf Zimmermann Mitglied des Bobinger Kunstvereins (später wurde er Gründungsmitglied des Kunstvereins Schwabmünchen), er hatte 1989 seine erste Ausstellung in Valmont in Frankreich, 1990 seine erste Einzelausstellung mit Aquarellen in Bobingen. Aquarelle zeigte er auch bei seiner ersten Ausstellung im Museum der Stadt Schwabmünchen 1995. Ich erinnere mich besonders an eines, das mich auf so intensive Art berührte, dass ich es bis heute noch lebhaft in Erinnerung habe. Fast hätte ich es damals gekauft, hätte ich die Mittel dazu gehabt. Ein guter Rat: Kaufen Sie Kunst, wenn sie Sie anspringt. Sie werden sonst noch 26 Jahre später bereuen, es nicht getan zu haben. Rudolf Zimmermann stellte in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland aus. Immer wieder wechselte er die Technik. Ein Suchender. Druck, Aquarell, Acrylmalerei, doch malerische Mittel ermöglichten es ihm nicht, das auszudrücken, was er wollte, was er brauchte. Als er 2012 aus Gesundheitsgründen die kunsttherapeutische Arbeit aufgeben musste, ließ ihn das, was über viele Jahre sein Alltag gewesen war, nicht los. Wie auch? Doch nun fand er „sein“ Medium. Schon 2013 entstanden im Atelier im Kunstraum M4 in Schwabmünchen Installationen, die er fotografierte.
All das, was sich in ihm angesammelt hatte an eigenen Erfahrungen, Erinnerungen, an eigenen Geschichten und an Geschichten der anderen, Kranken, Leidenden, mit denen er so nah seinen Alltag verbracht hatte, all das sollte „heraus“. Es sollte Gestalt annehmen außerhalb des Ich. Um es von außen betrachten zu können, sich ihm neu zu nähern, es zu verarbeiten und ihm einen Namen geben zu können, der es definiert. Nach dem Tod des Vaters und dem Umzug der Mutter in ein Altenheim begann Rudolf Zimmermann mit dem Ausräumen des Elternhauses, in dem 62 Jahre ruhten. 62 Jahre zuvor hatten seine Eltern, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, das Haus gebaut. Die Großmutter zog hier den kleinen Rudolf auf, da die Eltern berufstätig waren, ein Großvater lebte noch, allerdings nicht in diesem Hause, der andere war im Krieg vermisst. Nichts Relevantes aus den 62 Lebensjahren des Hauses war jemals weggeworfen worden. Es ist das Haus, das wir auf den Bildern dort drüben sehen. Ein Ort, an dem Geschichte stattfand, als sie noch Gegenwart war. Gesellschaftsgeschichte, Familiengeschichte. Und ein Haus, das denen, die in ihm lebten, Geschichten gab, das ihre Geschichten festhielt und konservierte. Jeder Gegenstand trägt so eine Geschichte, teilt sie mit, gibt sie dem, der sie erlebt hat, zu tragen. Indem er bestimmte Objekte aus dem Haus an einem bestimmten Ort in diesem Haus positioniert, gibt Zimmermann diesen Geschichten Gestalt. Geschichten, sagt er, machen Menschen aus. Das ist etwas, das er in seinem Berufsleben reichlich erfahren hat. Die Menschen tragen ihre Geschichten mit sich und manchmal ist die Last sehr schwer.
Die Gegenstände werden in dieser Konstellation zu vieldeutigen Symbolen. Eine Tasche: Die Bürde der Erinnerungen in uns, die uns schwer tragen lässt. Ein Koffer: Zugleich das Zeichen für das Weggehen und das Ankommen. Ein Hüter dessen, was mitzunehmen wir für nötig halten. In der Arbeit „Im Keller“ (hier das rechte Bild in der Reihe) sieht man so einen Koffer, aufgeklappt, seinen Inhalt preisgebend: eine Tasche und einen Stoffbären. Daneben ein Kohleneimer. Dahinter ein Schlitten mit einer Filzdecke darauf und links im Bild ein Mann, gebückt sitzend. Den rechten Arm auf eine Krücke gestützt. Mit „Im Keller“ fühlt Rudolf Zimmermann der Situation seiner Eltern nach ihrer Ankunft in Deutschland nach. Seinen eigenen Erinnerungen an die Ablehnung, die ihnen und auch ihm zunächst zuteilwurde. Der Schlitten verweist auf den Vater der Mutter, der als Kleinbauer und Holzfäller gearbeitet hat – mit einem Schlitten wurde das Holz aus dem Wald transportiert. Die Filzdecke erinnert daran, dass dieser Großvater sich in den Arbeitspausen eine Decke auf einen gefällten Stamm breitete, sich daraufsetzte und - zeichnete.
Auch „Beten“ (Das Bild in der Mitte) hat, wie alle Arbeiten dieser Serie, einen persönlichen Bezug. An Heiligabend standen die Kinder der Familie auf dem abgebildeten Platz im Haus und sollten für den vermissten Großvater beten, den sie nie gekannt hatten. Für die Mutter und die Großmutter waren es emotionale Momente, die zu Weihnachten gehörten. Für die Kinder war es wohl fast schon eine Zwangssituation, die dem Heiligen Abend etliches von seinem Glanz nahm. Und wieder begegnen wir der Tasche als Symbol fürs Tragen, fürs Beladensein.
Gleichzeitig assoziiert das Bild Zimmermanns Arbeitssituation in einer klösterlichen Einrichtung, in der den Bewohnern das Beten und der Kirchgang sehr intensiv nahe gelegt wurden. Rudolf Zimmermanns Bilder aus dem „Haus der Erinnerungen“ sind fotografierte Raumplastiken. Sie sind sorgfältigst komponiert, nichts ist dem Zufall überlassen. Im Verlauf ihres Entstehens wird die Komposition immer wieder überprüft, wird – auch im übertragenen Sinn – immer wieder Abstand genommen, sich wieder genähert. Der Symbolgehalt der Arbeiten funktioniert zunächst auf individueller Ebene, denn es sind Rudolf Zimmermanns Bilder seiner eigenen „Geschichten“. Bilder aus seinem „Kopfalbum“, wie er es nennt. Das Dargestellte muss für ihn selbst authentisch sein. Ein authentisches Bild einer Geschichte aus seiner Tasche, ein Seelenbild, das, wenn es „stimmt“, die Tasche leichter werden lässt. Der Akt des Entstehens dieser Werke ist ein künstlerischer und analytischer zugleich. Womöglich auch ein therapeutischer.
Das Ergebnis jedoch ist das Kunstwerk, dann für uns alle freigegeben zur Interpretation. Für uns Betrachtende haben diese Fotografien etwas Geheimnisvolles und Vieldeutiges. In ihrer eindringlichen und düsteren Ästhetik, die jede Farbigkeit verweigert, mit ihren zu Stillleben erstarrten Szenerien werden sie zu Statements, die uns alle angehen. Ob wir sie gesellschaftsbezogen deuten oder ob sie eigene Erinnerungen und Assoziationen in uns hervorrufen – sie stoßen etwas an in uns. Sich ihnen zu entziehen, ist kaum möglich. Sie können es nachher gerne versuchen.
Ich gratuliere Rudolf Zimmermann ganz ganz herzlich und bin schon gespannt, wohin seine Kunst uns weiterführt.